Jeder eder Frühlings-Sonnentag schließt das Glück der Erde und also den Himmel auf. Wilhelm Raabe
Knut und der Augenblick

Emotionen, Fetisch, glücklich sein – Darf ich auch mal unglücklich sein?

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Hast Du auch die Schnauze voll davon, dass Deine Lebensprobleme, Schwierigkeiten und Leiden als „Herausforderung“ oder „Chance zum inneren Wachstum“ verkauft werden? Oder dass man Dir empfiehlt, zu meditieren oder achtsamer zu leben? Oder dass man Dir vorhält, einfach zu negativ zu denken? Das es an Dir liegt das Du unglücklich bist? Dann wird Dir dieser Artikel gut tun.

Der Druck, unter allen Umständen eine positive Haltung einzunehmen, ist so hoch wie noch nie zuvor. Unternehmen, Denkfabriken, Coaches, Nachbarn und vor allem die Werbung terrorisierten die Menschen. Es wird ständig gefordert, positiv eingestellt zu sein. Unglücklich sein ist derzeit nicht in. Das ist traurig…

Das Schlimme ist: Diejenigen, die nicht positiv denken, werden noch belehrt und ausgegrenzt. Da werden dann Bücher verschenkt, die eine Anleitung zum Glück sein sollen. Oder, wenn es besonders schlecht läuft, ein Kurs für mehr Freude im Alltag, mit der Verpflichtung zum Tagebuch führen, verschenkt. Das macht nicht nur noch unglücklicher, sondern ist in meinen Augen ein Affront gegenüber dem Unglücklichen. Wer seine Mitmenschen so behandelt, hat auch keine Achtung vor diesem Menschen.

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Wo kommt der Glücksterror her?

Maßgeblich dazu beigetragen habe ein neuer psychologischer Zweig: der sogenannten positiven Psychologie.

Dieser Glücksterror hat sich seit ihrer Entstehung Ende der Neunzigerjahre in der Welt ausgebreitet und eine umsatzstarke Industrie im Rücken.

Dieser Grundidee nach gelingt ein glückliches Leben vor allem dann, wenn man negative Gedanken und Emotionen konsequent vermeidet und sich auf das Positive fokussiert, selbst, wenn das vielleicht auf Kosten des Realismus geht.

Doch es ist nun mal nicht sinnvoll, Lotto zu spielen, wenn man finanzielle Probleme hat. Aber die vorgeblich glücklichen schneiden sich mit Realitätsverweigerung auch noch den letzten rettenden Ast ab.

Wer hat’s erfunden?

Der Begründer dieser Positiven Psychologie ist der US-amerikanischer Psychologe Martin Seligman, dessen Karriere man folgendermaßen beschreiben kann:

Martin Seligman hat seit 1998 eine sehr gute Zeit. Höchstpersönlich baute er an seiner Uni in Pennsylvania im Jahr 2001 das Positive Psychology Center aus. Gefördert wurde es mit Forschungsmillionen, vor allem von konservativen Stiftungen. Hier traf Motivationspsychologie auf neoliberales Weltbild. Seligman behauptet nämlich, er habe so etwas wie die Weltformel, also jedenfalls‚ die Glücksformel gefunden. Glück ist seitdem kein vager und vieldeutiger Begriff mehr, nein, Glück ist nun messbar. Seligmans Glücksformel lautet ‚H = S + C + V‘. Was nach Chemie oder hoher Mathematik klingt, soll aber nur sagen: Glück ist gleich genetische Voreinstellung plus Umstände plus willentliche Kontrolle (happiness = genetic set point + circumstances + voluntary control), und zwar in der Aufteilung 50, 10, 40. Also die Hälfte sei Genetik, ein Zehntel Schicksal, und der Rest liegt in unserer eigenen Hand.

Seligman suggeriert, dass das Glück des Menschen einfach eine Sache der Entscheidung für das Glück ist. Wer unglücklich ist, ist selbst dran Schuld.

Eines Seiner Bücher heißt zum Beispiel „Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens“. Das Passt natürlich wunderbar zur Ideologie „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Und zwar jeder allein. Unglücklich sein heißt, nicht angepasst zu sein.

Dass diese „wissenschaftliche“ Richtung der Psychologie kompletter Humbug ist, kann man im Detail in dem Buch der Soziologin Eva Illouz und des Psychologen Edgar Cabanas nachlesen (Näheres dazu auf den NachDenkSeiten hier).

Seligman konnte mit seiner Theorie aller Wahrscheinlichkeit auf jeden Fall etwas glücklicher werden. Er kassiert inzwischen pro Optimismus-Vortrag 30.000 Dollar.

Glück als Statussymbol

Wenn man mit Freunden und manchen näheren Bekannten redet, klingt das oft so; Dort ist immer alles „wunderbar“ – Der Urlaub war „so schön“. Der Geburtstag war ein Fest, und alle begeistert. Das Wochenende mit der Ehefrau/dem Ehemann war fantastisch. Das Sexleben ohnehin.

Von solchen Menschen hört man nie, dass irgendetwas in ihren Leben vielleicht nicht perfekt ist. Aber warum ist das so? Ist das einfach nur Oberflächlich?

Wir wollen alle toll sein

Die neue Un-Kultur des Glücks verneint den Schmerz, den körperlichen genauso wie den seelischen, und sie ignoriert seine biologische und soziale Funktion. Nämlich zu zeigen: es stimmt was nicht.

Das hat nicht nur individuelle, sondern vor allem auch zwischenmenschliche Gründe.

Als soziales Wesen die wir sind, ist uns Status und Anerkennung wichtig. Bisher ließen vor allem alle möglichen materiellen Besitztümer den Status steigen, aber auch Leistung oder Wissen. Erst seit Kurzem kommt das hedonistische Glück als neue Dimension hinzu.

Da großer Reichtum nicht für alle erreichbar ist, gibt man vor, auch mit wenig Materiellem ein toller Mensch sein zu können. Wenn es mit der Kohle nicht so klappt, kann man trotzdem den Schein nach Außen wahren. Die vorgeblich Glücklichen haben so ein kostbares Gut, das wir alle gern hätten.

Seitdem man es mit Bildern der ganzen Welt zeigen kann, wird das edle Dinner am ausgewählten Boutique-Reiseort zum Ausdruck des erfüllten Lebens. Genauso das Luxus-Auto und nun eben auch Glück. Je exotischer, um so besser.

Oder wie Kurt Tucholsky dichtete: Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

https://www.aphorismen.de/gedicht/128485

Verstecktes Unglück

Der Nachteil: Wenn das Zeigen des Glücklichseins selbst zum Status wird, gibt sich natürlich niemand die Blöße und redet über dunkle und schmerzvolle Erlebnisse – es könnte ja die Anerkennung von anderen mindern. Du bist Krank? Erzähl es lieber nicht! Du bist Pleite, vielleicht weil du auf einen Glückspilz reingefallen bist? Behalte es lieber für Dich! Denn zu Deinem Unglück kommt dann noch die Stigmatisierung dazu.

So herrscht auf den ersten Blick Friede, Freude und Glück. Aber auf den zweiten Blick?

Die Frage ist: Sind diese Glücksstreber, die alles Negative aus ihrem Leben verdrängen und nur noch das Positive sehen wollen, wirklich die glücklicheren Menschen?

Oder anders gefragt: Haben sie wirklich das bessere Leben? Mein Antwort ist: NEIN!

Denn erstens kann man das Leid und Unglück das einem im Leben widerfährt nicht aus dem Leben aussperren.

Und zweitens: Wer es verdrängen will, der wird es trotzdem nicht los. Bei dem kommt es zum Beispiel in Form von Magenschmerzen oder gar Krebs wieder.

Richtig Fluchen hilft

Ich bin ja jemand, der als ruhig und besonnen durchgeht. Zumindest meistens. Aber es gibt manchmal einen Punkt an dem man sich Luft machen muss. Und diese Chance muss man auch nutzen.

Das Experiment

Es hat mal jemand ein Experiment gemacht, bei dem Menschen eine Hand in eiskaltes Wasser halten mussten. Dann wurde die Zeit gemessen, wie lange sie das aushalten können.

Beim zweiten Versuch wurde ihnen gleichzeitig eine Liste mit Schimpfwörtern vorgelegt, die sie laut lesen sollten, während ihre Hand in eiskaltes Wasser getaucht war. Darunter Wörter wie „Hoden-Gmon“ oder „Schwingtitte“. 

Was kam beim Experiment raus?

Bei dem Experiment kam heraus, dass Menschen, die die Liste der Schimpfwörter laut vorlasen, längere Zeit ihre Hand in das eiskalte Wasser eintauchen konnten. Schimpfen und Fluchen erleichtert es also Schmerz aushalten zu können.

Mit anderen Worten: Schimpfen und Fluchen entlastet und tut uns gut. Und das gilt natürlich nicht nur für körperliche Schmerzen, sondern auch für die seelischen Belastungen.

Der Schrei; Bild von Edvard Munch, gemalt 1893
Der Schrei; Edvard Munch, 1893

Man kann Schimpfen und Fluchen getrost als zivilisatorischer Fortschritt betrachten.

Statt den Idioten, der uns die Vorfahrt genommen hat, aus dem Wagen zu zerren und ihm einen Scheitel zu ziehen, wählen wir eine symbolische Handlung. Wir attackieren ihn mit Worten, die er, wenn man das nicht direkt ausposaunt, nicht einmal hört. So gehen alle ungeschoren aus dem Streit heraus und wir fühlen uns besser.

Im Anschluss kann man erleichtert seine Probleme angehen und lösen. Und dann ist man für einen Moment tatsächlich glücklich und zufrieden.

Und was sagt uns das?

Mein Fazit: Die Glückstheorie ist so etwas wie ein Narkotikum oder Fetisch, was uns enorm schadet. Niemand kann sich vor Problemen verstecken. Wer Probleme verniedlicht oder versteckt, bekommt diese mit doppelter zerstörerischer Kraft zurück. Es hilft sich mit ordentlichem Fluchen Luft zu verschaffen. Danach gibt man alles, damit man wieder zufrieden ist.

Was ist nun der Fetisch?

Fe·tisch

/Fétisch/

Aussprache lernen

Substantiv, maskulin [der]

VÖLKERKUNDE

  • [heiliger] Gegenstand, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, subjektiv besondere Bedeutung beigemessen wird; Götzenbild“einen Fetisch verehren, anbeten“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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